Er und Sie

Wenn man die Menschen fragt, wann und wie habt ihr euch kennengelernt, dann erzählen die meisten vom Moment der ersten Begegnung.

Nur manchmal, ganz manchmal, erzählt jemand etwas anderes.

Abgründiges.

Vom Schrei. Vom Tonlosen. Von Zartheit und Zärtlichkeit. Von Überraschung. Von Ohnmacht. Vom Schlag.

Von der Liebe. Die erst dann.

Heute sagte eine Frau: Wir haben nie aufgehört uns kennenzulernen.

Als wir mit der gemeinsamen Totenfürsorge fertig waren, beugte sie sich hinab zum bleichen Gesicht. Küsste es. Legte ihre Hände auf die Stille, die noch vorgestern ein Herz war, und sagte den Körper betrachtend: „Wirklich verrückt, wieviel Energie wir alle auf dieses Fleisch verwenden, das nichts ist ohne uns. Aber zumindest hier sind wir … sind wir auch nichts ohne dieses Fleisch.“
Noch eine Weile hielt sie seine Hand. Ließ los.

Auf dem Heimweg blickte ich in den Himmel. Er hatte so wenig Antworten wie ich.

Anne

Vehementes Vogelzwitschern, so als könnten all die Kehlchen den Himmel blau singen. Die Sonne wird noch kommen, denk ich, und gehe weiter. Samstagmorgen. Der Stadtteil im Einkaufsmodus. Und  Frühfrühling. Farbpunkte im kahlen Geäst. Manche Menschen tragen Mantel und Rollkragen, andere die Jacken offen und ohne Schal. Hunde im Pullover scheinen mir überflüssig, sind aber da.

Wenig Lächeln. Ich auch nicht. Ein junger Mann kommt mir entgegen. Riesengroß, bestimmt zwei Meter. Riesenbreit, muskelbreit und –bepackt. Auf dem wuchtigen Stahlkörper ein Kinderkopf mit Nickelbrille und Kopfhörern über der Dockermütze. Er schaut aufs Display, ich auf seinen Hals, den Rand vom Schraubgewinde suchend. Es muss eins geben.

Kinder schreien. Immer schreien Kinder. Jetzt reißt der Himmel auf. Niemand lächelt. Augenblicklich fühle ich Wärme im Gesicht. Jetzt muss ich lächeln. Und blinzeln. Rieche heißes Fett aus dem Imbiss links. Frühlingsfett. In den Blumenläden ist alles voller Tulpen.

Und dann plötzlich Anne. Direkt vor mir. „Anne“ weiterlesen