Fünfhundert Gramm

Gleich muss einer ausweichen. Der auf dem allzu schmalen Trottoir auf mich zukommende Mann trägt Einkaufstaschen in beiden Händen, ich nur in der rechten. Seine Statur ist breitbeinig, die Füße nach außen gestellt und im wiegenden Gang offenbart sich der Versuch stechende Hüftschmerzen auszubalancieren. Selbst hinter den fast schwarzen Sonnenbrillengläsern verraten sich die zornigen Augen. Er schnauft. Ich drehe mich zur Seite, er im selben Augenblick. Wie zwei Feinmechanikteilchen gleiten wir aneinander vorbei. Das Schnaufen wird breit. Ein Lächeln?
 
Am Eingang zum Marktplatz stehen Fahrräder. Werden an- oder gerade abgekettet. Körbe vorne. Körbe hinten. Satteltaschen. Eine verschnürte Puppe. Oh.
Zwei Kinder sitzen in einem Lastenfahrrad, eingebaut zwischen Spargel und Rhabarberstangen. Keines weint, das mag am Samstag oder am versprochenen Eis liegen. Die Schlange am Spargelstand ist endlos. Der Wind weht Fischfrikadellenduft zwischen Kräutertöpfe, am Käsestand wird gefachsimpelt. Beim Kartoffelmann tut das niemand. Kartoffeln sind nicht so intellektuell wie geronnene Milch, denke ich. Was haben wir früher eigentlich ohne Burrata gemacht? Beim türkischen Händler steht ein Petersilienwald – ich bin glücklich.
 
Bei den Erdbeeren treffe ich Frau U. „Fünfhundert Gramm“ weiterlesen

Er und Sie

Wenn man die Menschen fragt, wann und wie habt ihr euch kennengelernt, dann erzählen die meisten vom Moment der ersten Begegnung.

Nur manchmal, ganz manchmal, erzählt jemand etwas anderes.

Abgründiges.

Vom Schrei. Vom Tonlosen. Von Zartheit und Zärtlichkeit. Von Überraschung. Von Ohnmacht. Vom Schlag.

Von der Liebe. Die erst dann.

Heute sagte eine Frau: Wir haben nie aufgehört uns kennenzulernen.

Als wir mit der gemeinsamen Totenfürsorge fertig waren, beugte sie sich hinab zum bleichen Gesicht. Küsste es. Legte ihre Hände auf die Stille, die noch vorgestern ein Herz war, und sagte den Körper betrachtend: „Wirklich verrückt, wieviel Energie wir alle auf dieses Fleisch verwenden, das nichts ist ohne uns. Aber zumindest hier sind wir … sind wir auch nichts ohne dieses Fleisch.“
Noch eine Weile hielt sie seine Hand. Ließ los.

Auf dem Heimweg blickte ich in den Himmel. Er hatte so wenig Antworten wie ich.

Anne

Vehementes Vogelzwitschern, so als könnten all die Kehlchen den Himmel blau singen. Die Sonne wird noch kommen, denk ich, und gehe weiter. Samstagmorgen. Der Stadtteil im Einkaufsmodus. Und  Frühfrühling. Farbpunkte im kahlen Geäst. Manche Menschen tragen Mantel und Rollkragen, andere die Jacken offen und ohne Schal. Hunde im Pullover scheinen mir überflüssig, sind aber da.

Wenig Lächeln. Ich auch nicht. Ein junger Mann kommt mir entgegen. Riesengroß, bestimmt zwei Meter. Riesenbreit, muskelbreit und –bepackt. Auf dem wuchtigen Stahlkörper ein Kinderkopf mit Nickelbrille und Kopfhörern über der Dockermütze. Er schaut aufs Display, ich auf seinen Hals, den Rand vom Schraubgewinde suchend. Es muss eins geben.

Kinder schreien. Immer schreien Kinder. Jetzt reißt der Himmel auf. Niemand lächelt. Augenblicklich fühle ich Wärme im Gesicht. Jetzt muss ich lächeln. Und blinzeln. Rieche heißes Fett aus dem Imbiss links. Frühlingsfett. In den Blumenläden ist alles voller Tulpen.

Und dann plötzlich Anne. Direkt vor mir. „Anne“ weiterlesen

Tagsüber mit Feta

Herr Bodo Ottfried hatte neulich
nicht einfach Hunger, sondern gräulich.
Sein Magen knurrte unablässig,
das wurde schnell als schneller stressig.
Gemerkt, getan! Herr Ottfried lief
sofort zum Imbiss „beer & beef“.
Er würde Currywurst bestellen,
vielleicht sogar zwei Frikadellen,
dazu noch große Pommes Schranke,
so jedenfalls sein Giergedanke.
 
Doch als er um die Ecke wetzte
erschien, was ihn zutiefst entsetzte,
nicht „beer & beef“, er las indes
„Veganer Imbiss Sokrates“.
Das war ein Faustschlag in den Magen,
um es mal ganz direkt zu sagen.
Eine Grieche ohne Fleisch und Käse,
mit eifrei weißer Mayonnaise?
Das konnte nur ein Irrtum sein.
Mit Prüferblick trat Bodo ein!
 
Die Speisentafel auf dem Tresen,
war übersichtlich leicht zu lesen.
Tsatsiki, frisch, aus Sojabohnen,
Moussaka gleich in drei Versionen:
statt Hack mit Linsen, Nuss und Kernen.
(Hier kann der Gaumen noch was lernen.)
Ein Tofugyros mit Tomaten,
Zucchini kross in Öl gebraten
und Kokosjoghurt dattelsüß,
dazu ein Trauben-Birnen-Spieß.
 
 „Was darf es sein?“, die Frage traf
durchaus Herrn Ottfrieds Essbedarf.
So brachte ihn sein leerer Magen
dazu nicht einfach „Nichts!“ zu sagen.
Er flüsterte mit Trotz und Mut:
„Geback‘ner Feta wär jetzt gut.“
Sokrates stutzte. Klar, was kam:
„Vom Schaf is aber nicht vegan!“
Da standen beide, stumm und stummer,
der Imbiss randgefüllt mit Kummer.
 
Sie stehn noch heute, müsst ihr wissen,
ne Lösung hat nie angebissen.

(Diesen Text gibt es nur wegen des Kollegen, der da sagte: „Bettina, schreib doch was über Tagsüber mit Feta„. So. Bitte.)

off

 
die Hunde schlafen
im Sand
liegt das Plastik von Generationen
die sich nicht mehr kennen
und nichts als Pastellblicke
schummeln sich horizontverhangen
bis zum nächsten Drink
hoffen die Schildkröten
ihre Brut möge schneller sein als
die Schatten am Himmel
all der Sehnsuchtsbomber
nach Kurzweil
schreit das badebeschlappte Fußvolk
mit Ketten aus Gold
sprengt das Freiheitsgefühl alles
was zu verändern gewesen wäre
wartet nicht mehr
längst erloschen sind die Zauber
unterm Mond à la carte
nehmen wir noch einen Schluck
aus diesem ertrinkenden Meer
 
last minute