Eisenmangel

Am Hauptbahnhof füllt es sich plötzlich. Pendlertrauben auf dem Bahnsteig. Beim Öffnen und Eintreten schnaufen Mensch und U-Bahntüren gleichermaßen. Körper gleiten magnetisch auf Sitzplätze, Taschen und Kinder werden auf den Schoß gehoben, ein Mann zwängt sein Fahrrad zwischen die Stehenden. Die Luft, unfähig Weiteres aufzunehmen, presst alle Gerüche derb und ungefiltert in die Nasenschleimhäute.

Die Frau mir gegenüber öffnet ihren Anorak. Ein verwaschener, blassroter Sweater wird sichtbar, auf dem kleine Strasssteine den Schriftzug „femme fatale“ bilden. Ich denke „Eisenmangel“, und betrachte die von jeher zu kurz gekommenen Gesichtszüge, die fahl und konturlos das Weißlicht der Tunnelleuchten in sich aufnehmen. Wir wiegen uns in den von leisem Quietschen begleiteten Kurven, verbeugen uns sanft bei jeder Bremsung und schicken unsere leeren Blicke durch das Gedränge oder belassen sie stumpf auf den tröstenden Displays der Handys.

Nirgends ist der Zustand der Stadt so lesbar wie in ihren Bussen und Bahnen, wo sich die Gesichter entspannen, die Notwendigkeit zur mimischen Präsenz entfällt und alle Erloschenheit sichtbar wird.
Die femme fatale hat ein Hustenbonbon aus der Handtsche geholt, es aus der Hülle gedrückt und zwischen die enttäuschten Lippen geschoben. Kurz rollt es auf ihrer Zunge am Gaumen entlang, bevor es in der linken Wangentasche verschwindet. Minze. Ein Teenager mit In-Ears beginnt laut ein Telefongespräch, das unangekündigt Worte wie „Digga“ und „scheiß Alte“ in die breiige Luft stößt.

Ohne am Ziel zu sein, steige ich aus. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der von mit befreite Platz von einem bärtigen Mann ohne Augenbrauen besetzt wird. Die abfahrende Bahn wirbelt Papierschnipsel vom Boden.
Kaum ist es still, fliehen im Gleisbett die Ratten.

Marthamoment

„Martha, kommst du mal“, fragtsagt der drahtige Endsechziger mit Halblesebrille und ausgeschlafenem Haarschopf, während er vom Geschirrtisch eine bunt-geblümte Teekanne, vermutlich aus den Achtzigern, fischt.

Ich stehe auf der anderen Seite des Tischs und taste mich mit den Augen von Teller zu Teller. Dabei halte ich eigentlich Ausschau nach einem Mörser. Es ist recht leer im Second-Hand-Kaufhaus, was sowohl am Schnee als auch an der Nähe zum Ende der Öffnungszeit liegen mag. Fünfundzwanzig Minuten noch.

Martha lässt auf sich warten, was ein ausgedehntes „Maaaarthaaaaa“ nach sich zieht. Flötenhaft die Antwort (vermutlich aus der Bekleidungsabteilung im Nebenraum): „Gleich, Dolli!“

Dolli. Wie wohl lautet der Name des Mannes, wenn er „Dolli“ gerufen wird? Ich drehe mich um zum Topftisch, behalte Dolli aber vorsorglich im Ohr. Ich brauche keinen Topf, hoffe jedoch, dass vielleicht hier ein Mörser steht, weil es vermutlich keinen Mörsertisch gibt und sich zwischen den Töpfen auch Siebe und Käsereiben finden.

„Dolli, nein, wirklich. Viel zu pausbackig. Da schmeckt der Tee ja wie aus dem Bottich! Das passt nicht zu uns.“

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Reisemoment mit Frau M.

„Einen Toten anziehen? Machen Sie Witze? Das ist ja eine fürchterliche Vorstellung! Man kann doch keinen toten Körper wieder anziehen.“

„Können kann man schon, aber wenn Ihnen die Vorstellung widerstrebt, hüllen wir Ihre Tante auch gern in ein Tuch.“

„Ja. Das ist gut. Das ist eine gute Vorstellung. Tote anziehen … wer macht denn sowas?“

Frau M. kommt noch ein paar Mal in unserem Gespräch auf diesen Punkt zurück. Schüttelt sich. Schüttelt den Kopf. Erzählt von einer Marokko-Reise mit ihrem Mann und dass sie auf dieser Reise Canettis „Die Stimmen von Marrakesch“ gelesen hat. Weil es naheliegend ist, die Literatur an die Reise anzupassen.

„Kennen Sie das Buch?“

„Nein.“

„Waren Sie schon in Marrakesch?“

„Nein.“

„Wenn Sie dort sind, lesen Sie das Buch! Wie kommen wir denn überhaupt jetzt darauf?“

„Wegen der Rede. Sie sagten APROPOS REDE …  und dann waren wir in Marokko.“

„Ach ja, Genau. Eigentlich führt das jetzt zu weit. Haben Sie Strindberg gelesen?“

„Ja.“

„In Schweden?“

„Nein …ich…hab auch Ibsen nicht in Norwegen gelesen.“

„Hemingway?“

„Nein.“

„Haben Sie Mayröcker gelesen? In Wien vielleicht?“

„Ja, das hab ich sogar. Und Ilse Aichinger.“

„Wie sind wir denn jetzt darauf gekommen?“

„Der Rede wegen. Über die Marokko-Reise.“

„Also, dass Sie „Die Stimmen von Marrakesch“ nicht gelesen haben…naja, wenn Sie nicht dort waren, nun gut. Kann ich meine Tante noch einmal sehen?“

„Ja.“

„Bücher darf man doch mit in den Sarg legen, oder?“

„Natürlich.“

„Goethes letzte Reise wäre vielleicht passend. Obwohl meine Tante nicht viel mit Goethe am Hut hatte. Aber es sollte schon passen, denken Sie nicht? Was würden Sie denn dazu legen? Nein, anders, was soll denn mal in Ihrem Sarg liegen – außer Ihnen natürlich.“

„Natürlich! Ich hab noch nicht … ich … am liebsten Gedichte von Mascha Kaléko.“

„Kaléko?“

„Ja.“

„Gut. Gute Wahl. „

Frau M. schweigt eine Weile, blickt auf die Urnen im Regal, nippt am Tee. Sieht mich an.

„Ich glaube ich bringe meiner Tante doch … eins ihrer Nachthemden. Und die Nachtsocken. Gelesen hat sie am liebsten im Bett.“

„Das würde ihr gefallen.“

„Ja, ein Nachthemd und die Lagerlöf …“

„Nils Holgerssons …?“

„….wunderbare Reise!“

Strandmoment

 
Es ist angenehm leer. Die Strandkörbe warten in Reih und Glied auf den Besucherstrom des Tages. Ich gehe hinab bis zum Meersaum. Meine Zehen kriechen mit Wonne bei jedem Schritt kurz unter den Sand. Zwei Morgenmänner sitzen im Wasser, ihr Lachen schüttern wie das Haar. Immer wieder umspült das Meer meine tastenden Füße. Ich atme ein. Nicht tief in den Bauch oder die Flanke. Nur ein. Spüre die Freude über diesen Impuls, der das Salz in der Luft bis tief in meinen Körper zieht. Kristallines Erinnern.
 

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Emmi

Der rote Kittel roch nach Hygienespülung und hielt noch die Wärme aus dem Trockenraum. Ich schlüpfte hinein, schloss den rückseitigen Knopf am Kragen und zog die Bänder um die Taille in einer Schleife zusammen.

Bevor ich die Handschuhe überzog, legte ich beide Hände auf das Sargoberteil, sah in die bereits auf Antwort wartenden Augen meines Kollegen und setzte an: „Hier also ist Emmi.“

Vor einer Woche hatte Emmi einen Lavendel auf ihrem Balkon eingetopft. Ihre Finger waren noch erdig und das Klingeln des Handys kam ihr ungelegen, dennoch zog sie es aus der blaugeblümten Kittelschürze, wischte über das Display, rief „Später, Klaus!“ und beendete den Anruf sofort wieder. Es waren die letzten Worte, die Emmis Sohn von ihr hörte.

Weil es kein Später gab und Emmi auch am Folgemorgen nicht zu erreichen war, fuhren Klaus und sein Bruder Winfried zur Wohnung ihrer Mutter. Sie fanden Emmi auf dem Sofa, wähnten sie einen Augenblick lang schlafend, doch beim Näherkommen verriet sich der Tod im allzu fahlen Teint, tiefblauen Fingerspitzen und den nur halb geschlossenen, erstarrten Augen. Als Klaus den Puls suchte, spürte er die Kälte der Haut und die Versteifung des Körpers, aber da hatte Winfried längst die 112 gewählt.

Emmi kam in die Rechtsmedizin, weil der Notarzt in Unkenntnis des bisherigen Gesundheitszustands von Emmi keinen Totenschein ausstellte, so dass die Klärung der Todesursache dem LKA übergeben wurde. Eine übliche und fast alltägliche Routine, die bei den Söhnen jedoch Bestürzung auslöste.

„Und, was war es?“, fragte mich mein Kollege.

„Wohl einfach Herzversagen. Emmi ist 101 und litt seit mehr als 30 Jahren an Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck, was sie mal mehr, mal weniger konsequent medikamentös behandelte. Wie es aussieht, hat sie sich hingelegt und ist gestorben.“

Wir hoben das Sargoberteil ab. Erst am heutigen Morgen war Emmi zu uns gekommen, ich hatte sie noch nicht gesehen. In meiner Vorstellung war sie, wohl ihres Alters wegen, eine schmale Person mit verschieblicher Haut und gestauchter Wirbelsäule. Aber Emmi war drall. Kugelrund. Gealtert wie ein besprenkelter Spätsommerpfirsich, mit weich gepolsterten Handrücken und Schlüsselbeinen. Filigran wirkte allein das weiße Haar, welches ihren Kopf wie mit Puderzucker bestäubt aussehen ließ. Ihr herzförmiger, kleiner Mund war geschlossen und leicht nach innen gezogen, als habe sie sich kurz zuvor ein Bonbon zwischen die Lippen geschoben.

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