Tänzelmoment

Der Blick auf die Uhr ist eindeutig: ich habe alles noch rechtzeitig geschafft, und diesmal schaffe ich es sogar noch vorher aufs Klo. Das habe ich bisher nämlich nicht jedes Mal geschafft. Falls sich je jemand unter den Trauergästen gewundert hat, warum die Bestatterin die Urne sanft tänzelnden Schrittes zum Grab trägt – die Lösung ist nicht Anmut, sondern Aushalten.

Noch habe ich nicht herausgefunden, was ich an Trauerfeier-Tagen morgens frühstücken kann. Frühstücke ich nichts, wird mir flau und ich kann weder Holzsäulen noch Sandschalen tragen. Frühstücke ich zu viel, kann ich es auch nicht. Frühstücke ich zu obstreich, gurgelt mein Bauch jedes Requiem klein. Zudem ist Obst wasserreich. In Kombination mit dem wirklich unvermeidlichen Kaffee entsetzlich harntreibend. Frühstücke ich quarkreich, ist es auch nicht anders. Brot hab ich nie im Haus. Haferflocken machen mich nicht lang genug satt, es sei denn, ich esse so viel davon, dass ich mich nicht mehr rühren kann.

Heute hatte ich gebratene Zucchini und Avocado. Ja, zum Frühstück. Kein Bauchgurgeln, nicht wassertreibend. Es schien okay. Nur der Humpen Kaffee wollte irgendwann … uff. Diesmal hatte ich es ja geschafft. Vorher.

Blick auf die Uhr. Hurra. Ich öffne die Tür zur Friedhofskapellentoilette und stoße direkt auf eine Person, die sich just vom Waschbecken weg und Richtung Tür gedreht hat. „Huch“ sagt sie. Als sei das eine typisch norddeutsche Begrüßung, antworte ich ebenfalls mit „Huch“.

„Ich muss noch trockenwedeln“ sagt sie weiter. Und wedelt. Wedeltropfen fliegen mir entgegen auf die Kleidung, auf die Maske, auf die Stirn. „Huch“ sage ich ins Tröpfchenmeer.

Möchte mich gern an der Dame vorbeischlängeln, weil ich doch – noch zumindest – so gut in der Zeit bin und es heute auch keine weitere Minute ausdurcheinhalten könnte. Aber die Dame steht exakt und unumschlängelbar zwischen mir und den zwei Toilettenkabinen.

„Ach, ist wer gestorben?“ fragt die Frau, meine komplett schwarze Robe musternd (ich trage nicht selbstverständlich schwarz auf Trauerfeiern) und weiter: „Wer denn? Ein Promi? Wieder ein Promi? Sterben ja viele zurzeit.“

„Promis?“ frage ich tänzelnd.

„Ja“ wedelt sie zurück.

„Verzeihen Sie … wenn ich mal kurz dürfte … also vorb…“

Die Dame geht zur Seite, ich husche gen Klotür, da fängt mich ihr Stimmlasso gezielt ein: „Jemand aus Ihrer Familie? Ach nee. Sie haben ja ne Namensplakette. Sie machen das professionell hier, ja? Haben Sie jetzt mehr, mit den ganzen verrückten Reiserückkehrern? Ich sehe die ja … oh. Hab noch Grün am Daumen.“

Sie dreht sich zurück zum Waschbecken und pumpt Seife auf den Daumennagel. Ein scheinbar günstiger Augenblick, doch dummerweise blicke ich noch einmal (jetzt nervös) auf die Uhr.

„Gleich Zwölfe, oder? Sagen Sie mal, kann man da eigentlich mit rein? Oder ist das privat? Oder ist da auch Corona?“

„Da ist auch Corona“ sage ich, denke „Huch“, weil der Satz so schön missverständlich sein könnte, wüssten die Dame und ich nicht beide, wie wir das gemeint haben. Aber wir wissen das.

„Ich muss dann mal …“ sage ich und auch das ist ein idiotischer Satz vor einer Klotür, aber vielleicht exakt die Sprache, die die Frau und ich miteinander brauchen.

„Ich auch“ gibt sie zurück, lakonisch und seifensicher und greift nach einer großen, grünen Plastiktasche, die am Boden steht und aus der Pflanzen, Handtücher und eine Wasserflaschenhals ragen.

Ich spüre viele Schweißperlen auf zu vielen Hautzonen, höre Fahrzeuge ankommen und Autotürverriegelungen klacken. Dann klackt die Toilettenaußentür und ich blicke abermals auf die Uhr.

Die Urne, später, trug ich in tiefer Ruhe.

(08/2020)

Fastenmoment mit Mia

„Sag mal, fastest du?“

„Nein.“

„Nichts? Gar nichts?“

„Gar nichts, Mia.“

„Ich Wurst.“

(Ich lache ausgiebig)

„Was gibt es denn da zu lachen?“

„Sorry….aber dieses Ich Wurst….ganze Sätze sind so überbewertet. Prädikatfasten zusätzlich zum Wurstfasten.“

„Was?“

„Nix. Du fastest also Wurst. Nur Wurst?“

„Ja. Ohne Käse könnte ich nicht.“

„Ich dachte eher an Fleisch.“

„Fleisch ess ich schon seit Dezember nicht mehr. Wurst war wie Käse. Bisher unverzichtbar.“

„Und fällt es schwer?“

„Es geht. Ich hab ja den Käse. Du solltest auch etwas fasten. Das ist toll. Ich habe eine völlig andere Wahrnehmung bekommen. Und es tut auch gut einmal ganz bewusst Verzicht zu üben. Margret fastet auch.“

„Auch Wurst?“

„Brokkoli.“

„Du veräppelst mich!“

„Nein, sie fastet wirklich Brokkoli. Und Lauch und Weißkohl.“

„Aha.“

„Es bläht sie so.“

„Gut zu wissen. Aber wenn es sie so bläht, dann sollte sie es ggf. eh immer sein lassen oder nur begrenzt und eher selten essen.“

„Margret liebt Brokkoli. Sie leidet!“

„Mehr als unter den Blähungen?“

„Ja!“

„Mia, ich bitte dich! Brokkolifasten, was für ein unglaublicher Unsinn. Margret hat wohl kaum bisher fünf Mal in der Woche Brokkoli gegessen. Oder drei Mal. Was ist denn da das Fasten?“

„Das ist doch keine Frage der Häufigkeit!“

„Also gut. Okay.“

„Wirst du noch einsteigen?“

„Ins Brokkolifasten?“

„In was auch immer. Es ist nicht gut für die Psyche, wenn man nicht fastet.“

„Dieses Jahr nicht mehr.“

„Du musst entschlacken!“

„Ja doch.“

„Das sage ich dir jetzt als deine Freundin: Du siehst nicht mehr gut aus! Jemand muss es dir sagen.“

„Nein. Ich finde nicht, dass mir das jemand sagen muss.“

„Fasten schärft den Blick.“

„Iss Wurst.“

KLICK.

Fleischtopfmoment

Urlaub. Urlaub ist ausschlafen. Um 07:15 Uhr purzle ich aus meinen Federn. Wach. Urlaub ist, nicht auf die Schnelle Haferflocken heiß überbrühen und quellen lassen, während dasselbe einen Raum weiter unter Dusche mit meiner Haut passiert.

Sondern morgens in Ruhe das warme Frühstück zuzubereiten. Dabei nach langer Zeit mal wieder das Kochbuch der Traditionellen Chinesischen Medizin aufschlagen. Was wärmt doch gleich die Mitte? Ist gut für das Qi?

Ich würfle Ingwer klein, erhitze etwas Öl im Topf, gebe den Ingwer dazu und Curry. Leicht anschwitzen lassen zur Aromaentfaltung, bevor der Hirse draufkommt. Der noch kurz mitröstet, bevor zum Garen Wasser aufgegossen wird. Es röstet. Fein.

Urlaub ist, so entschleunigt zu sein, dass der Ingwer verkohlt. Während ich weiter über die Mitte lese. Das Wärmen der Mitte. Kann ich brauchen. Ich träume seit Wochen, jede Nacht. Bilderkauderwelsch an dessen Ende ich meist renne, falle oder „nur ein Traum“ denke im Traum.

Der Rauchmelder ist schneller als ich. Piept und piept und piept – Herrgott, wie kann man denn vor acht Uhr dermaßen laut piepen? Ich hätte die Stimme gar nicht. Er hat sie.

Was nun zuerst? Googeln, wie so ein Ding ausgeht? Was ich nämlich nicht weiß. Nein, natürlich erst einmal die Rauchquelle beseitigen. Der Ingwer ist schwarz. Tiefschwarz, restlos verkohlt. Zerfällt fast zu Staub, als ich den Topf anhebe. Der Topf, stellt sich später heraus, ist hinüber.

Ich klettere auf einen Stuhl, komme nur auf Zehenspitzen gestreckt mit der Fingerspitzen an den Rauchmelder, der aber selbst abgeschraubt noch piept. Entsetzlich piept. Dessen Batteriefach ich nicht finde, dann finde, nicht öffnen kann, dann öffnen kann. Ermattet setzte ich mich auf den Boden.

Alles nur der gewärmten Mitte und dem Qi wegen. Beides habe ich vermutlich gerade zuhauf eingebüßt, dafür hab ich heiße Wangen.

Ich brauche einen neuen Topf. Einen kleinen. „Fleischtopfmoment“ weiterlesen

wann zuletzt

so nah
wie im regen gestern
unterm schirm am langen damm
auf einmal sorglos
eingehakt
dem tropfengeplapper verschweigend
die sonne fehlt uns nicht
uns fehlt
ein schirm des nachts
und morgens fehlt
uns die elle, der griff
nach dem arm
fehlt der sprung
über pfützen
dicht beieinander
mit nassen knien
und schuhen voller hoffnung
in grau


(c) strang 2020

Beim Anblick eines Bildes des
Malers Kornelius Wilkens, Berlin.
Danke, lieber Freund!

(c) Von Kornelius Wilkens, Berlin 2020

http://www.kornelius-wilkens.de

Meerschweinmoment mit Mia

„Siehst du auch so fürchterlich aus?“
„Du siehst fürchterlich aus?“
„Ich? Nein.“
„Wer sieht dann fürchterlich aus, Mia?“
„Margret. Wir haben geskyped. Grauenvoll.“
„Vielleicht verzerrt Skype. Und es liegt an der Perspektive.“
„Bitte – fürchterliches Aussehen ist doch keine Frage der Perspektive! Margret sieht aus, als habe man ein XL-Meerschwein auf ihrem Kopf eingeschläfert!“
„Ich versuche mir das vorzustellen…“
„Na, scheckiges Haar in Flusen!“
„Ah. Klar.“
„Und dann drunter dieser Gesichtsausdruck! Du kennst den! Alles hängt. Lider, Wangen, Unterlippe. Alles!“
„Vielleicht geht es ihr nicht gut.“
„Natürlich geht es ihr nicht gut. Ich kenne Margret nicht mehr gutgehend. Erst dachte ich, okay, normal, jeder hat mal Jammertal. Aber mittlerweile…Ich hab ihr gesagt, sie soll sich einen Thermofix kaufen.“
„Thermomix.“ „Meerschweinmoment mit Mia“ weiterlesen