Fleischtopfmoment

Urlaub. Urlaub ist ausschlafen. Um 07:15 Uhr purzle ich aus meinen Federn. Wach. Urlaub ist, nicht auf die Schnelle Haferflocken heiß überbrühen und quellen lassen, während dasselbe einen Raum weiter unter Dusche mit meiner Haut passiert.

Sondern morgens in Ruhe das warme Frühstück zuzubereiten. Dabei nach langer Zeit mal wieder das Kochbuch der Traditionellen Chinesischen Medizin aufschlagen. Was wärmt doch gleich die Mitte? Ist gut für das Qi?

Ich würfle Ingwer klein, erhitze etwas Öl im Topf, gebe den Ingwer dazu und Curry. Leicht anschwitzen lassen zur Aromaentfaltung, bevor der Hirse draufkommt. Der noch kurz mitröstet, bevor zum Garen Wasser aufgegossen wird. Es röstet. Fein.

Urlaub ist, so entschleunigt zu sein, dass der Ingwer verkohlt. Während ich weiter über die Mitte lese. Das Wärmen der Mitte. Kann ich brauchen. Ich träume seit Wochen, jede Nacht. Bilderkauderwelsch an dessen Ende ich meist renne, falle oder „nur ein Traum“ denke im Traum.

Der Rauchmelder ist schneller als ich. Piept und piept und piept – Herrgott, wie kann man denn vor acht Uhr dermaßen laut piepen? Ich hätte die Stimme gar nicht. Er hat sie.

Was nun zuerst? Googeln, wie so ein Ding ausgeht? Was ich nämlich nicht weiß. Nein, natürlich erst einmal die Rauchquelle beseitigen. Der Ingwer ist schwarz. Tiefschwarz, restlos verkohlt. Zerfällt fast zu Staub, als ich den Topf anhebe. Der Topf, stellt sich später heraus, ist hinüber.

Ich klettere auf einen Stuhl, komme nur auf Zehenspitzen gestreckt mit der Fingerspitzen an den Rauchmelder, der aber selbst abgeschraubt noch piept. Entsetzlich piept. Dessen Batteriefach ich nicht finde, dann finde, nicht öffnen kann, dann öffnen kann. Ermattet setzte ich mich auf den Boden.

Alles nur der gewärmten Mitte und dem Qi wegen. Beides habe ich vermutlich gerade zuhauf eingebüßt, dafür hab ich heiße Wangen.

Ich brauche einen neuen Topf. Einen kleinen. Bei einer Freundin hab ich mal einen gesehen, rot und schwer, stabil und beschichtet. Ein Wunderwerk moderner Küchenutensilien mit olympiareifer Wärmeverteilung. So einen will ich. Ein „once in a lifetime“-Modell.

In den Topfregalen sehe ich ihn sofort. Nicht rot, aber anthrazit. Schwer und beeindruckend. Ein Topf wie aus der Fitnessschmiede, definiert und klar. Kompromisslos kochen würde er sagen, spräche er. Ich gucke auf den Preis: 499 €.

„499 €?“

„Das Set, nicht der Topf.“

Eine Verkäuferin hat mich beobachtet und steht wie auf Knopfdruck beratungsbereit neben mir.

„Ich möchte gerne nur diesen Topf.“

„Den gibt es nur im Set. Einzeltöpfe finden sie dort“, und dabei zeigt sie auf einen kleinen Tisch, der einem langen Regal mit Topfsets vorangestellt ist, und auf dem ich schon von weitem eine magere Auswahl sehe. Vor allem keine roten, schwarzen oder anthtrazitfarbenen Töpfe. Keine beschichteten. Verlorene Edelstahltöpfchen mit zarten Deckelchen, die ich schon klappern höre bevor sie je Herdhitze ausgesetzt waren.

Artig stehe ich nun vor ihnen, betrachte, nehme in die Hand, stelle zurück. In den Regalen dahinter lachen überall die kleinen, schweren Set-Meistertöpfe. Überall steht „Set“ oder „599 €“ oder „reduziert: 399 €“

Ich schleiche weiter durch die Regalreihen und entdecke kurz vor den Pfannen ein Fach mit einzelnen Töpfen. Einer ist dabei, der in den Grundzügen meinen Kriterien entspricht. Auf der Produktinformation unter der Folie steht „Fleischtopf“ mit dem Bild eines Boeuf Stroganoff. Ich vermute, das steht dort wegen der Beschichtung, damit Stroganoff nicht denselben Tod sterben kann wie mein Ingwer.

„Ich weiß, die Frage ist bescheuert, aber in einem Fleischtopf kann ich doch ganz normal kochen, oder? Also, der hat jetzt kein anderes Kochverhalten als die anderen Töpfe?

„Natürlich hat er das, deshalb ist es ja ein Fleischtopf.“

„Ja. Aber ich meine, ein Ei könnte ich darin ja ebenfalls kochen.“

„Ein Ei?“

Die Verkäuferin sagt das mit der Art von Abscheu, mit der Rasenfetischisten „Gänseblümchen“ sagen.

„Ich bereite nie Fleisch zu und vielleicht hat der Fleischtopf Eigenschaften, die für Fleisch gut, für Eier aber z.B. mäßig sind?“

„Für Eier haben wir Eierkocher, da nimmt man keinen Topf.“ Sie zeigt in die Tiefen der Haushaltsabteilung.

„Oder Gemüse. Oder Nudeln. Oder Kartoffeln. Anderes als Fleisch halt, meine ich. Sie wissen schon.“

„Ja, ich weiß schon, aber Eier kocht niemand mehr im Topf. Das verbraucht unnötig viel Wasser und Energie, da sollten sie wirklich einen Eierkocher nehmen, wenn sie regelmäßig Eier kochen.“

„Ich brauche nur einen Topf für alles, außer Fleisch.“

„Das hier ist ein richtiger Fleischtopf. Für-alles-Töpfe sind dort“, sagt sie und zeigt auf den traurigen Einzeltopftisch.

„Okay, ich frage anders: Ist er NUR für Fleisch oder AUCH für Fleisch oder besonders gut für Fleisch, aber auch für anderes gut, wenn auch nicht besonders?“

„Auch.“

„Danke.“

„Warten Sie, das ist ein Settopf, den können Sie nicht mitnehmen.“

„Der ist doch einzeln hier?“

„Falsch abgestellt. Der Einzeltisch ist …“

„…da drüben, ich weiß. Aber ich will einen Topf wie diesen. Am liebsten sogar einen, wie den ersten, den ich in der Hand hatte. So einen schweren, beschichteten, starken.“ Jetzt lächelt die Verkäuferin komplizenhaft, als hätte ich ihr mein letztes Date verraten.

„Die meisten Sets sind gerade reduziert.“

„Ich brauche kein Set. Nur einen kleinen, neuen Topf.“

„Verstehe“, sie grübelt. „Einen Einzeltopf …“

„So wie ich selbst“, ergänze ich erklärend, obwohl das gar nichts erklärt, wo ich nicht einmal klein bin. Sie nickt dennoch in tiefem Verständnis.

„Maaaaaren, haben wir noch einzelne Töpfe wie diesen?“ ruft sie, den Topf hochhaltend, zu einer Kollegin. Und Maren antwortet, wie ich es mir schöner nicht hätte wünschen können: Dass es im Moment keine Einzelfleischtöpfe gäbe, aber dieser hier über sei. Aussortiert aus einem Set, dessen Käufer diese Größe nicht wollten. Ein Preis müsse errechnet werden, aber er sei mitnehmbar. Ich fühle eine große Verbundenheit, umgehend.

„Da haben Sie ja ein Glück“ strahlt mich die Verkäuferin nun an und drückt mir den Topf in den Arm, „ich komme mit zur Kasse.“

Auf den Topf und mich, das weiß ich, warten viele gemeinsame Abenteuer. Einzelstücke finden sich immer.

Eine Antwort auf „Fleischtopfmoment“

  1. Oh, oh – wozu diese dämlichen Diskusssionen, wobei doch die Antwort genügt hätte: Ja, auch für Gemüse, Nudeln, Reis und ……
    Eier. Denn – ich altmodisches Ding – koche längst nicht mehr im Eierkocher (verschenkt) sondern im richtigen Topf, weil Eierkocher dumm rumstehen und nicht viel können – bei meist 1-2 Eiern!!!
    Nun hast Du Deinen bezahlbaren Wunschtopf??
    Genauso geht es mir mit einem Relax-Sessel – keiner kann ver-
    stehen, daß ich weder einen Motor noch eine Aufstehhilfe darin
    haben möchte. Und auch kein kühles Leder!! Nein – einfach einen gemütlichen Sessel, den ich manuell hoch- und tiefstellen kann.
    So kämpfen wir darum, Geld auszugeben für das, was wir wirklich
    wollen und nicht für Verkäufer-Ideen. Mist ist das und Zeitver- schwendung!!!
    Ich verstehe Dich so gut und schön, daß Du die Geschichte mit uns teilst!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert