Kassenschlangenmoment

„Minus Vier??? Ey, minus vier ist dein IQ, Digga!“
An der Kasse hinter mir hat sich fünfmal hilflos überproduziertes Testosteron im Alter zwischen ca. 16-20 Jahren versammelt. Grillkohle, Bier und Chips.
„Digga, du redest nur Stuss!“
Die alte Dame vor mir dreht sich um. Blickt mich an. Blickt die Diggas an.
„Digga, du regst mich echt auf, Digga!“
Unwillkürlich muss ich an schlechte Verkäufer denken, die den Kundennamen zwecks persönlicher Bindungsherstellung übermäßig oft betonen. „Dieses Angebot, Frau Digga, ist speziell für Sie entwickelt worden, Frau Digga.“ Ich muss laut lachen. Man blickt kurz zu mir. Sogar die rothaarige Kassenfee mit der türkisfarbenen Modebrille. Blick: streng.

An der Nebenkasse wuselt sich ein kleiner Japaner an der Warteschlange vorbei. „Darf ich vor? Ich hab nur drei Teile.“ Ein mächtiger Bartträger mit Tattoo am Hals bremst ihn triumphierend aus: „Ich hab nur zwei. Und nun?“ Der Japaner zögert. „Sie können mich trotzdem vorbeilassen!“ Spricht es und flitzt vor. Der Bartträger schnauft sprachlos. Ich muss wieder lachen. Versuche es diesmal leise. Hoffnungslos.
„Digga, guck dir den Floh an, Digga! Der machts richtig!“ tönt es rustikal hinter mir, als der Japaner aus dem Supermarkt saust.
Die alte Dame vor mir hat ihre Waren aufs Band gelegt. Den leeren Korb hält sie einen Moment unentschlossen in der sichtbar zittrigen Hand. Dann dreht sie sich um, streckt den Korb an mir vorbei den Jungs entgegen und sagt: „Wären die Herren Digga so nett, das wegzustellen?“
Blicke: höchst perplex.
„Krasse Ansage, ey!“.
Der Korb wird ordentlich weggestellt.
Das Leben in Freitagabendkassenschlangen in der Hoheluftchaussee ist unbezahlbar!

Chausseemoment

Hoheluftchaussee.
Schon von weitem sehe ich das weiße Hemd, die dunkelblauen Hosen und die verspiegelte Pilotensonnenbrille. Der Gang des Mannes offenbart eine Frühprägung durch intensiven John-Wayne-Western-Konsum oder ein beginnendes Hüftleiden, da bin ich mir nicht so sicher. Uns trennen vielleicht noch 3 Meter, als John ein Knie beugt und sich hinab bückt, um den rechten Schuh zu schnüren.
Die Menschen hinter ihm weichen dem plötzlichen Hindernis schnell und geschmeidig aus. Schon bin auch ich auf seiner Höhe. Gleich an ihm vorbei. Und ertappe mich bei dem Impuls, ihn kurz anstupsen zu wollen, damit er vorn über kippt. Wie eine Statue. Plong. Johns Pilotenbrille würde von der Nase purzeln. Er selbst, nachdem die Nase den Boden berührt hat, seitlich kippen.
Dass ich mich bei diesem (unausgeführten) Impuls nicht abscheulich, sondern lediglich ob meiner selbst irritiert fühle, liegt ausschließlich daran, dass John nicht real wirkt, sondern wie eine Comicfigur. Ich will ihm nicht weh tun. Ich will nur das lustige Purzeln sehen.
Verstohlen blicke ich zurück. John schnürt den zweiten Schuh. Keine zwei Meter bin ich weiter, da höre ich ein dumpfes „Plomp“. Dann ein „Houmpfff“ und eine Frauenstimme sagt: „Hoppla! Alles ok?“
John ist zur Seite gepurzelt. Eine Passantin neben ihm blickt kurz besorgt. Nichts passiert.
Für den Rest des Tages war mein Kopfkino wegen Unheimlichkeit geschlossen.

Morbus Cosmeticus

Kosmetikschule

Kosmetikschulen sind spezielle Orte. Bei diesem Anblick, direkt nach verlassen des Lifts, war mein erster Gedanke:
„Irgendetwas stimmt mit Hasi nicht!“

Der gecremte Mann

Also mal ehrlich: Eine Kosmetikerin ohne Mann ist wie ein Wissenschaftler ohne Labormaus.
Ich kenne keine (in Worten: keine!) Kollegin, die nicht die Säulen ihrer Kunstfertigkeit auf der Epidermis des Partners verankert hat. Was die wenigsten Endverbraucher wissen: Jedes Produkt und jede kosmetische Anwendung werden von der Kosmetikerin ausgiebig am heimischen Mann getestet, bis sie schlussendlich zum Einsatz am zahlenden Fremdkörper kommen. Meines Wissens hat sich auch noch keine Schutzorganisation, gleich welcher Couleur, dieser Ausbeutung angenommen.

Die (Fach-)Presse widmet gerne ausgiebige Artikel dem Mann im Reich der Kosmetik. Über den Mann dahinter schweigt die Branche unisono. Kein Wort über teilenthaarte Schienbeine, verzupfte Augenbrauen, Spraytanningattacken und dermabrasierte Nasenrücken. Entgegen allen feministischen Glaubenssätzen erweisen sich Kosmetikerinnenmänner als außerordentlich leidensfähig. Sie nehmen wochenlange Schälkuren so klaglos in Kauf wie einen gefrenchten „Testnagel“. Sie lassen sich scrubben und sonophorieren; lassen uns Probebohrungen mit Hochleistungskomedonenhebern machen und schrecken nicht einmal vor einer Wimpernwelle zurück, selbst wenn sie an den Nasenhaaren ausprobiert wird.
Und unter einem Ölwechsel verstehen sie längst das Umschwenken von der Vitamin A- zur Vitamin E-Ampulle.

Auf den großen Messen sieht man sie trolleyziehend einen halben Schritt hinter der Dame ihres Herzens, sorgsam jedwede Infobroschüre verstauend und allzeit bereit, den Unterarm von Needlingrollen traktieren und die Ohrläppchen mit Liftingpads zupflastern zu lassen.
Beste Freundinnen wären zu so etwas ja gar nicht in der Lage, und wenn doch, dann keinesfalls mit y-chromosomalem Gleichmut und noch weniger schweigend.
Ich erinnere mich an eine Kollegin, die mangels Mann ihre Mutter zur Austestung einer Bleichungscreme herangezogen hatte. Nach sechs Wochen ermüdendem Verbalstellungskrieg überließ die Kosmetikerin der Mutter ihren Salon und die getestete Firma musste die Cremerezeptur grundlegend neu gestalten. Ich meine gehört zu haben, dass auch der Cremehersteller später in die Hände der Mutter überging.

Mit einem Mann wäre so etwas nicht passiert.

Den Nachwuchs lässt man ebenfalls besser außen vor, obschon ich Kolleginnen erlebt habe, die die Vielfalt ihres Angebots zu erzieherischen Maßnahmen zu nutzen wussten. „Wenn du nicht sofort damit aufhörst, mach ich dir eine Iontophorese!“, war die überraschende Drohung, derer ich Zeuge werden durfte, als ich eine Bekannte mit Homestudio besuchte, deren Sohnemann im Minutentakt krakeelend in den Behandlungsraum stürmte.
Ja, man lernt nie aus.
Ich selbst möchte demnächst meine Make-up-Techniken mal wieder bei einem kleinen Kreativnachmittag verfeinern. Mein Männe ist diesbezüglich schon Topmodel geworden: keine Hustenanfälle mehr bei Puderanwendung, und die Blinzeltränenattacken während des Kajalauftragens haben auch aufgehört. Buddhistisch atmet er in alle Farbanwendungen hinein und wirft am Ende einen kritischen Blick in den Spiegel. Er legt besonderen Wert auf einen feinen Pinselstrich und ist als Tester so routiniert, dass er sich nicht einmal mehr hektisch abschminken möchte, bevor er dem Postboten die Tür öffnet.

Hinter jeder erfolgreichen Kosmetikerin steht ein dick eingecremter Mann!

Waschstraßendebakel

Der Mensch, in diesem Fall ich, ist oftmals gedankenverloren. Oder, schöner ausgedrückt: im Fluss. Intuitiv im Fluss.
Bei Tätigkeiten, die sozusagen im Autopilot durchführbar sind, ist das kein Problem. Würde ich über bestimmte Bewegungsabläufe nachdenken, wäre ich außer Stande, sie durchzuführen. Radfahren zum Beispiel.
Ein Grund mehr, schlafende Hunde nicht zu wecken. Es gibt Dinge, die sollten einem nicht gesagt werden, selbst mit der besten Absicht nicht.

Tatort Waschstraße. Samstagnachmittags.
Ich halte beim Waschstraßenmann.
„Einmal nur waschen.“
„Fünf Euro, bitte. Lenkradsperre raus, nicht Bremsen und Automatik auf N.“
(Ich denke: Weiß ich doch, Himmel! Fahr ja nicht zum ersten Mal hier durch)
„He, junge Frau! Nicht bremsen!“
„Was?“
„NICHT BREMSEN! AUTOMATIK AUF N!“
„Aber ich hab doch…“
„N!“

Ich sehe „N“, aber aus unerfindlichen Gründen schalte ich auf „R“ und lasse den Fuß auf der Bremse.

„N! Himmel, das kann doch nicht so schwer sein!“
Ich nehme den Fuß von der Bremse und schalte paralysiert auf „P“, wissend, dass das falsch ist, aber ich kann nichts dagegen tun. Es schaltet, was immer Es ist.
Der Waschmann ist jetzt ganz rot im Gesicht, hinter mir ist ein Stau.
„N! Herrgott, N wie Nordpol, Norddeich, Nieren oder Nasen!“

Während meine Hand den Automatikschalter sorgsam auf „N“ schiebt, stellt sich mein Fuß wieder auf die Bremse. Was immer gerade in mir im intuitiven Fluss ist, es ist diesmal kein guter Fluss. Der Waschmann schnappt nach Luft, ehe er brüllen kann, reiße ich den Fuß von der Bremse, die Hände in die Höhe, kneife die Augen zusammen und flehe „Allesgutallesgutallesgutallesgut!“.
Mit einem sanften Schub bewegt sich das Auto in die Waschstraße hinein. Ich bin wie versteinert und höre durch dumpfes Wasserprasseln hinter mir schlimmste norddeutsche Flüche.

Ich kann nie wieder in diese Waschstraße fahren. Bitte, da wird niemand etwas anderes behaupten können. Ich bin gebrandmarkt, ich bin Waschstraßenlegastheniker, Automatik-Analphabet, alles zusammen und gemischt und auch noch in der schlimmsten aller Erscheinungsformen: Frau und blond.
Ich sehe schon das künftige Plakat an allen Waschstraßen Hamburgs, mit meinem Konterfei darauf: „Ich muss leider draußen bleiben.“
Und deshalb muss ich jetzt auf mein Sofa. Muss ferngehalten werden von der Welt und ihren simplen, aber undurchführbaren Anforderungen.
N wie Nordpol. Oder B wie Bremse. Schmach hat viele Buchstaben.