Nichts zu finden

Henk hat einmal gesagt, ich müsse der Nacht zuvorkochen, wenn ich sie heraufziehen sehe. Also ging ich los, Pastinaken kaufen, weil Pastinaken der Nacht ihre erdige Süße entgegenstellen, ihr Aroma tief in mir aus unerfindlichen Gründen ein glaubwürdiges „Es geht vorbei“ entfaltet, das dieserart, wenn überhaupt je, nur der tröstend flüsternden Stimme meiner Mutter zu entnehmen war. Früher. Ich weiß nicht mehr wann.

Neben dem Wurzelgemüse stand ein Korb mit Feldsalat. Ohne zu überlegen füllte ich eine mittelgroße Papiertüte mit den dunkelgrünen Blattsträußchen, griff drei Pastinaken, eine Möhre und hastete zur Kasse.

Heute war ich froh um jedes nicht gesprochene Wort. War froh im separaten Büro, ohne Gegenüber. Sagte „Ach, wenig geschlafen“ zu den musternden, halb fragenden Blicken.

Gestern Abend hatte ich mich trotz allem in den Wind begeben. Das Wetter. Den nervnadeligen Regen. Hatte mir, trotz aller Vorbehalte, vorgenommen „Monets Garten“ zu besuchen. Eine multimediale Ausstellung. Ein immersives Erlebnis. Eintauchen also. Eintauchen klang gut.

Du musst auch mal raus. Was anderes sehen.Auf dem Sofa liegen kannst du noch, wenn du tot bist. (Really?)

Kam an. Durchnässt. Klammkalt mit hochroten Händen, obwohl es gar nicht mehr klirrend hier ist. Hing den Mantel an die Garderobe. Stand vor sich bewegenden, multimedialen Bildern. Kam in einen großen Raum mit großer Projektionswand, der wie ein Garten gestaltet war. Ein billiger Garten aus Chinaplastik, mit blutleeren Seerosenanimationen auf dem Boden. Auf der großen Projektionswand flirrende Farbschnipsel, die wie mit einem Knethaken ineinander gerührt wirkten.

Ich mag Monet, aber er bewegte nie mein Herz. Deshalb hatte ich vermieden, mir dieses Multimediaspektakel mit van Goghs Bildern anzusehen. Das hätte ich nicht ausgehalten. Etwas, was ich liebe, tief liebe, so verkauft sehen zu müssen.

Du musst dich auch drauf einlassen!

Okay. Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder, ging in den nächsten Raum, der eine einzige Projektionsfläche war. Legte mich auf eins der Sitzliegekissen. Ließ mich drauf ein. Von allen Wänden strahlten die animierten Bilder. Die ersten Minuten dachte ich, ich müsse schreien. Rauslaufen. Unerträglich schien mir diese Verkitschung, dieses absurde Spektakel für Neuzeithirne, denen der Blick auf einen echten Monet nicht mehr Kick genug ist. War angewidert.

Du musst dich drauf einlassen.

Was mich rettete, waren die erzählten Daten und Fakten aus Monets Leben. Etwas über ihn zu erfahren. Okay. Das hatte ich gar nicht gewusst. Interessant. Manchmal war der Bildrausch mit der oft unnötig überdramatisch gewählten Musik ganz nett. Aber als zum Schluss zu Prilblumen degradierte, grafische Seerosen zu Bolero tanzend an mir vorbeiflimmerten, war ich so angeekelt, dass ich aufstehen und weggehen musste. Weg. In den Regen, den Wind, das Wetter. Weg in die Nacht, die sich augenblicklich auf meine Schultern legte wie eine nasse Pferdedecke. Weg.

Vielleicht hätte es Monet ja gefallen. Und nur dir nicht, dachte ich, schalt ich mich. Dass meine Nacht nicht die seine ist. Und doch. Hier war nichts zu finden gewesen, außer einer Überdosis Effekte. Im Vorraum konnte man neben dem handelsüblichen Merchandisemist Schlafmasken kaufen. Mit seinen Seerosen.

Ich ging. Bis die Finger wieder rot waren. Das Wasser auf der Kopfhaut in den Nacken perlte.

Schlief nicht, später, um nicht aufwachen zu müssen. Die Vögel zwitscherten schon um kurz nach drei. Das hört man auf dem Sofa, wenn man nicht tot ist.

Überlasse mich nun dem Aroma der Pastinaken. Dem Grün des Feldsalats. Schreibe Henk eine Nachricht: Monet war nicht da. Gute Nacht.

(c) 2023

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