„Martha, kommst du mal“, fragtsagt der drahtige Endsechziger mit Halblesebrille und ausgeschlafenem Haarschopf, während er vom Geschirrtisch eine bunt-geblümte Teekanne, vermutlich aus den Achtzigern, fischt.
Ich stehe auf der anderen Seite des Tischs und taste mich mit den Augen von Teller zu Teller. Dabei halte ich eigentlich Ausschau nach einem Mörser. Es ist recht leer im Second-Hand-Kaufhaus, was sowohl am Schnee als auch an der Nähe zum Ende der Öffnungszeit liegen mag. Fünfundzwanzig Minuten noch.
Martha lässt auf sich warten, was ein ausgedehntes „Maaaarthaaaaa“ nach sich zieht. Flötenhaft die Antwort (vermutlich aus der Bekleidungsabteilung im Nebenraum): „Gleich, Dolli!“
Dolli. Wie wohl lautet der Name des Mannes, wenn er „Dolli“ gerufen wird? Ich drehe mich um zum Topftisch, behalte Dolli aber vorsorglich im Ohr. Ich brauche keinen Topf, hoffe jedoch, dass vielleicht hier ein Mörser steht, weil es vermutlich keinen Mörsertisch gibt und sich zwischen den Töpfen auch Siebe und Käsereiben finden.
„Dolli, nein, wirklich. Viel zu pausbackig. Da schmeckt der Tee ja wie aus dem Bottich! Das passt nicht zu uns.“
Bevor ich mich umdrehe, versuche ich Martha anhand ihrer Stimme zu visualisieren. Ich sehe sie als energische Person mit grauer Tüdelfrisur, irgendwas zwischen hochgesteckt und wuschelverwegen. Farbenfroh in der Kleidung. Etwas wird aus Filz sein. Der Mantel oder die Mütze, die Handschuhe oder die Gamaschen. Gamaschen! Mein Gehirn hat echt einen guten Tag heute. Ich bin sicher sie trägt einen roten Lippenstift und hat keine Augenbrauen. Also keine sichtbaren mehr, sondern helle, feine Härchen.
„Nein, Dolli, da ist nichts dabei“, legt Martha nach. Dolli sagt nichts, ich höre das Klacken der wieder hingestellten Kanne. Jetzt drehe ich mich um. Martha ist gut eineinhalb Köpfe kleiner als Dolli und damit zwei Köpfe kleiner als ich. Keine Gamaschen, dafür ein Filzhut, unter dem glänzendes, weißes, glattes Haar mit akkurater Schnittkante entlang der Gesichtskontur schimmert. Roter Lippenstift (Tschakka!), unsichtbare Brauen (weil weiß – Tschakka!). Dafür ist der sonstige Look hanseatisch: dunkelgrau, dunkelblau, grau.
Ein junger Mann erscheint neben ihr, er mag Anfang zwanzig sein, wenn überhaupt. Trägt eine pinke Teddyplüschjacke, blitzblaue Joggpants und rosa Kopfhörer über seine dichten goldgoldigen Lockenkringel geklemmt. Nein, es sind Ohrschützer, wie ich bei genauerem Hinsehen bemerke. Er greift nach der Achtzigerteekanne.
Martha mustert ihn, mustert die Kanne, schaut zu Dolli.
„Zu ihm passt sie“, sagt sie begeistert, als habe sich soeben ein perfektes Tinder-Match ergeben. Sie greift Dolli am Mantel und zieht ihn weiter Richtung Sitzmöbelareal. Ich bleibe bei den Töpfen zurück, der Goldjunge geht (die Kanne in der Hand) in den Bücherraum.
Vielleicht zehn Minuten später finden wir uns allesamt an der Kasse wieder, in der Reihenfolge: Goldjunge – ein Fremdpärchen – Dolli & Martha – ich. Der Goldjunge hat außer der pausbackigen Teekanne zwei Bücher auf den Bezahltresen gelegt und ein grünes Halstuch mit silbernen Fäden. Er zahlt, bedankt sich, tütet ein und geht.
Das Fremdpärchen sieht ihm nach, der Mann raunt kopfschüttelnd und grinsend zu seiner Frau: „Was ne Lachnummer, diese heutigen Typen. Alle beschränkt“. Er sagt es in dieser speziellen Art, in der „Früher hätte man sowas weggesperrt“ gesagt wird.
Da tippt Martha ihm bereits hemmungslos an die Schulter und kontert mit ruhiger Bestimmtheit: „Lächerlich? Kein Mensch ist lächerlich, niemals. Nicht einmal Sie. Gedanken können lächerlich sein. Unnötiger Spott ist lächerlich, wie überhaupt all solche kleinen Gefühle. Der Mensch aber ist nie lächerlich, verstehen Sie? Der Mensch ist der Mensch!“
Pause. „Manchmal trifft man allerdings einen Dummkopf.“
Der Mann starrt Martha perplex an, ich starre Martha herzlich an, Dolli kennt das von Martha wohl schon und starrt als einziger nicht, dafür starrt die Frau an der Kasse doppelt und nur die Fremdfrau schaut weg.
Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Es ist der banale Satz (mit Blick auf die Uhr) eines vorbeigehenden Mitarbeiters, der alle aus der Stille vor dem Eklat reißt: „Wir schließen gleich, machen Sie mal weiter hier.“
Als sei nichts gewesen, zahlt das Fremdpärchen, eilig und ohne noch einmal den Blick zu Martha zu wenden. Martha und Dolli zahlen (einen Blumentopf, nebenbei bemerkt) und verlassen miteinander murmelnd das Geschäft. Dann bin ich an der Reihe. Es gab keinen Mörser. Dafür habe ich ein hübsches Weinglas mitgenommen. Und einen Marthamoment.


Hinreißend!
Ich LIEBE deine Geschichten voll kleiner, feiner Beobachtungen, sensationellem Wortwitz und großer Begeisterung für Sprache. Danke!!