Am Hauptbahnhof füllt es sich plötzlich. Pendlertrauben auf dem Bahnsteig. Beim Öffnen und Eintreten schnaufen Mensch und U-Bahntüren gleichermaßen. Körper gleiten magnetisch auf Sitzplätze, Taschen und Kinder werden auf den Schoß gehoben, ein Mann zwängt sein Fahrrad zwischen die Stehenden. Die Luft, unfähig Weiteres aufzunehmen, presst alle Gerüche derb und ungefiltert in die Nasenschleimhäute.
Die Frau mir gegenüber öffnet ihren Anorak. Ein verwaschener, blassroter Sweater wird sichtbar, auf dem kleine Strasssteine den Schriftzug „femme fatale“ bilden. Ich denke „Eisenmangel“, und betrachte die von jeher zu kurz gekommenen Gesichtszüge, die fahl und konturlos das Weißlicht der Tunnelleuchten in sich aufnehmen. Wir wiegen uns in den von leisem Quietschen begleiteten Kurven, verbeugen uns sanft bei jeder Bremsung und schicken unsere leeren Blicke durch das Gedränge oder belassen sie stumpf auf den tröstenden Displays der Handys.
Nirgends ist der Zustand der Stadt so lesbar wie in ihren Bussen und Bahnen, wo sich die Gesichter entspannen, die Notwendigkeit zur mimischen Präsenz entfällt und alle Erloschenheit sichtbar wird.
Die femme fatale hat ein Hustenbonbon aus der Handtsche geholt, es aus der Hülle gedrückt und zwischen die enttäuschten Lippen geschoben. Kurz rollt es auf ihrer Zunge am Gaumen entlang, bevor es in der linken Wangentasche verschwindet. Minze. Ein Teenager mit In-Ears beginnt laut ein Telefongespräch, das unangekündigt Worte wie „Digga“ und „scheiß Alte“ in die breiige Luft stößt.
Ohne am Ziel zu sein, steige ich aus. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der von mit befreite Platz von einem bärtigen Mann ohne Augenbrauen besetzt wird. Die abfahrende Bahn wirbelt Papierschnipsel vom Boden.
Kaum ist es still, fliehen im Gleisbett die Ratten.

