Marthamoment

„Martha, kommst du mal“, fragtsagt der drahtige Endsechziger mit Halblesebrille und ausgeschlafenem Haarschopf, während er vom Geschirrtisch eine bunt-geblümte Teekanne, vermutlich aus den Achtzigern, fischt.

Ich stehe auf der anderen Seite des Tischs und taste mich mit den Augen von Teller zu Teller. Dabei halte ich eigentlich Ausschau nach einem Mörser. Es ist recht leer im Second-Hand-Kaufhaus, was sowohl am Schnee als auch an der Nähe zum Ende der Öffnungszeit liegen mag. Fünfundzwanzig Minuten noch.

Martha lässt auf sich warten, was ein ausgedehntes „Maaaarthaaaaa“ nach sich zieht. Flötenhaft die Antwort (vermutlich aus der Bekleidungsabteilung im Nebenraum): „Gleich, Dolli!“

Dolli. Wie wohl lautet der Name des Mannes, wenn er „Dolli“ gerufen wird? Ich drehe mich um zum Topftisch, behalte Dolli aber vorsorglich im Ohr. Ich brauche keinen Topf, hoffe jedoch, dass vielleicht hier ein Mörser steht, weil es vermutlich keinen Mörsertisch gibt und sich zwischen den Töpfen auch Siebe und Käsereiben finden.

„Dolli, nein, wirklich. Viel zu pausbackig. Da schmeckt der Tee ja wie aus dem Bottich! Das passt nicht zu uns.“

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Reisemoment mit Frau M.

„Einen Toten anziehen? Machen Sie Witze? Das ist ja eine fürchterliche Vorstellung! Man kann doch keinen toten Körper wieder anziehen.“

„Können kann man schon, aber wenn Ihnen die Vorstellung widerstrebt, hüllen wir Ihre Tante auch gern in ein Tuch.“

„Ja. Das ist gut. Das ist eine gute Vorstellung. Tote anziehen … wer macht denn sowas?“

Frau M. kommt noch ein paar Mal in unserem Gespräch auf diesen Punkt zurück. Schüttelt sich. Schüttelt den Kopf. Erzählt von einer Marokko-Reise mit ihrem Mann und dass sie auf dieser Reise Canettis „Die Stimmen von Marrakesch“ gelesen hat. Weil es naheliegend ist, die Literatur an die Reise anzupassen.

„Kennen Sie das Buch?“

„Nein.“

„Waren Sie schon in Marrakesch?“

„Nein.“

„Wenn Sie dort sind, lesen Sie das Buch! Wie kommen wir denn überhaupt jetzt darauf?“

„Wegen der Rede. Sie sagten APROPOS REDE …  und dann waren wir in Marokko.“

„Ach ja, Genau. Eigentlich führt das jetzt zu weit. Haben Sie Strindberg gelesen?“

„Ja.“

„In Schweden?“

„Nein …ich…hab auch Ibsen nicht in Norwegen gelesen.“

„Hemingway?“

„Nein.“

„Haben Sie Mayröcker gelesen? In Wien vielleicht?“

„Ja, das hab ich sogar. Und Ilse Aichinger.“

„Wie sind wir denn jetzt darauf gekommen?“

„Der Rede wegen. Über die Marokko-Reise.“

„Also, dass Sie „Die Stimmen von Marrakesch“ nicht gelesen haben…naja, wenn Sie nicht dort waren, nun gut. Kann ich meine Tante noch einmal sehen?“

„Ja.“

„Bücher darf man doch mit in den Sarg legen, oder?“

„Natürlich.“

„Goethes letzte Reise wäre vielleicht passend. Obwohl meine Tante nicht viel mit Goethe am Hut hatte. Aber es sollte schon passen, denken Sie nicht? Was würden Sie denn dazu legen? Nein, anders, was soll denn mal in Ihrem Sarg liegen – außer Ihnen natürlich.“

„Natürlich! Ich hab noch nicht … ich … am liebsten Gedichte von Mascha Kaléko.“

„Kaléko?“

„Ja.“

„Gut. Gute Wahl. „

Frau M. schweigt eine Weile, blickt auf die Urnen im Regal, nippt am Tee. Sieht mich an.

„Ich glaube ich bringe meiner Tante doch … eins ihrer Nachthemden. Und die Nachtsocken. Gelesen hat sie am liebsten im Bett.“

„Das würde ihr gefallen.“

„Ja, ein Nachthemd und die Lagerlöf …“

„Nils Holgerssons …?“

„….wunderbare Reise!“

Strandmoment

 
Es ist angenehm leer. Die Strandkörbe warten in Reih und Glied auf den Besucherstrom des Tages. Ich gehe hinab bis zum Meersaum. Meine Zehen kriechen mit Wonne bei jedem Schritt kurz unter den Sand. Zwei Morgenmänner sitzen im Wasser, ihr Lachen schüttern wie das Haar. Immer wieder umspült das Meer meine tastenden Füße. Ich atme ein. Nicht tief in den Bauch oder die Flanke. Nur ein. Spüre die Freude über diesen Impuls, der das Salz in der Luft bis tief in meinen Körper zieht. Kristallines Erinnern.
 

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Emmi

Der rote Kittel roch nach Hygienespülung und hielt noch die Wärme aus dem Trockenraum. Ich schlüpfte hinein, schloss den rückseitigen Knopf am Kragen und zog die Bänder um die Taille in einer Schleife zusammen.

Bevor ich die Handschuhe überzog, legte ich beide Hände auf das Sargoberteil, sah in die bereits auf Antwort wartenden Augen meines Kollegen und setzte an: „Hier also ist Emmi.“

Vor einer Woche hatte Emmi einen Lavendel auf ihrem Balkon eingetopft. Ihre Finger waren noch erdig und das Klingeln des Handys kam ihr ungelegen, dennoch zog sie es aus der blaugeblümten Kittelschürze, wischte über das Display, rief „Später, Klaus!“ und beendete den Anruf sofort wieder. Es waren die letzten Worte, die Emmis Sohn von ihr hörte.

Weil es kein Später gab und Emmi auch am Folgemorgen nicht zu erreichen war, fuhren Klaus und sein Bruder Winfried zur Wohnung ihrer Mutter. Sie fanden Emmi auf dem Sofa, wähnten sie einen Augenblick lang schlafend, doch beim Näherkommen verriet sich der Tod im allzu fahlen Teint, tiefblauen Fingerspitzen und den nur halb geschlossenen, erstarrten Augen. Als Klaus den Puls suchte, spürte er die Kälte der Haut und die Versteifung des Körpers, aber da hatte Winfried längst die 112 gewählt.

Emmi kam in die Rechtsmedizin, weil der Notarzt in Unkenntnis des bisherigen Gesundheitszustands von Emmi keinen Totenschein ausstellte, so dass die Klärung der Todesursache dem LKA übergeben wurde. Eine übliche und fast alltägliche Routine, die bei den Söhnen jedoch Bestürzung auslöste.

„Und, was war es?“, fragte mich mein Kollege.

„Wohl einfach Herzversagen. Emmi ist 101 und litt seit mehr als 30 Jahren an Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck, was sie mal mehr, mal weniger konsequent medikamentös behandelte. Wie es aussieht, hat sie sich hingelegt und ist gestorben.“

Wir hoben das Sargoberteil ab. Erst am heutigen Morgen war Emmi zu uns gekommen, ich hatte sie noch nicht gesehen. In meiner Vorstellung war sie, wohl ihres Alters wegen, eine schmale Person mit verschieblicher Haut und gestauchter Wirbelsäule. Aber Emmi war drall. Kugelrund. Gealtert wie ein besprenkelter Spätsommerpfirsich, mit weich gepolsterten Handrücken und Schlüsselbeinen. Filigran wirkte allein das weiße Haar, welches ihren Kopf wie mit Puderzucker bestäubt aussehen ließ. Ihr herzförmiger, kleiner Mund war geschlossen und leicht nach innen gezogen, als habe sie sich kurz zuvor ein Bonbon zwischen die Lippen geschoben.

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Henkmoment mit Topf

Henk schweigt. Ich habe die Tür nicht ins Schloss fallen lassen, sondern mit leisem Klinkendruck geschlossen. Er nimmt mir den Mantel ab, hängt ihn sorgfältig auf einem Kleiderbügel an den Haken ganz links, während ich mit dem Reißverschluss meines Halbstiefels kämpfe. Die Socken sind garnarm an den Zehenspitzen geworden. Bevor Henk gucken kann, ziehe ich die unschönen Sockenspitzen nach vorn, so weit auf die Fußunterseite wie es nur geht. Beim ersten Schritt rutscht die Socke in ihre Ausgangslage zurück, nur das ruckartige Zusammenkneifen der Zehen könnte es verhindern, sähe beim Gehen aber dämlich aus.

Henk ist bereits in der Küche. Setzt Wasser auf, schnippelt Ingwer. „Mit?“ Es ist keine Frage. Längst ist der Ingwer im dicken Glas. Kurze Zeit später gießt Henk auf, stellt mir Honig dazu. „Ist gut im Winter“, sagt er. Ich schaue auf die Tomaten im Obstkorb.

Auf dem Herd beginnt der Deckel eines Topfs zu vibrieren. Henk dreht sich um, dreht den Herdschalter von sechs auf drei zurück und beginnt dann Petersilie zu hacken. Es riecht nach Sellerie. Nach Lauch und Kreuzkümmel. Die Scheiben sind ein wenig beschlagen und das Blubbern aus dem Topf blubbert in meine Zellzwischenräume. Ich sitze gern in Küchen, in denen gekocht wird. Lasse mich beklappern, atme die Gerüche, bestaune den Wandel der Zutaten und die Freude derer, die da schnippeln, rühren, streuen, reduzieren, testpieksen, abschmecken und anrichten.

„Eintopf“, sagt Henk jetzt, so wie andere „Das ist Ingeborg, meine Frau“ sagen, und dabei wetzt sein Messer zum x-ten Mal durch die Petersilie. Sie ist so fein wie Neujahrsschnee. Henks Fingerspitzen greifen eine Kleinstmenge, lassen sie zurück aufs Küchenbrett rieseln. Er wischt das Messer ab, er wischt die Fingerspitzen ab, er stellt mir einen Teller neben das Ingwerteeglas, legt eine Tomate darauf, legt ein kleines Messer dazu. Holt Salz und Pfeffer und Öl.

Der Topf blubbert. „Brot?“ fragen Henks Hände, im Begriff nach einem Stück Roggenbaguette zu greifen. Ich schüttle den Kopf und danach das Salz auf die nunmehr in Viertel geschnittene Tomate.

Auf dem Metall der Abzugshaube haften drei Magnetbilder. Eins aus Paris mit Notre Dame, eins auf dem „Shit happens“ steht und ein Smiley. „Sind von Jan“, sagt Henk, der meinem Blick gefolgt ist und sich nun neben mich auf die Bank setzt, nachdem er den Herd ausgedreht hat.

Minutenlang schauen wir dem Topf zu, wie er ruhiger und ruhiger wird, bis sich kaum noch Dampf zwischen Topfrand und Deckel ins Freie mogelt. Ich rieche Möhre, ich rieche Zimt, ich rieche Petersilienschnee. Und einen Hauch von Henks Eau de Toilette.

„Bleibst du zum Essen?“ Ich nicke. Henk steht auf und öffnet den Topfdeckel, in Sekunden füllt sich der Raum mit dem satten Duft von Wurzelgemüse und Fenchelsamen. Ich lehne mich zurück bis mein Kopf die Wand berührt.

„Er muss noch etwas ruhen“, sagt Henk, rührt einmal um und legt den Deckel wieder auf.

Ich auch, sage ich nicht, während Henk heißes Wasser in mein Glas nachfüllt und „Du auch“ sagt.